Sammlung Peter Merschroth

Die “vergessenen” Flieger

Vieles wurde und wird geschrieben über die “Helden der Lüfte”, die Träger des “Pour le Merite” und anderer hoher Auszeichnungen, unvergessene Piloten und meisterhafte Flieger die in ihrer Zeit ebenso populär waren wie heutzutage Popstars oder Schauspieler. Aber uns sollte auch das Schicksal der vielen Namenlosen und weitgehend unbekannten Angehörigen der Fliegertruppe im Gedächtnis bleiben die mit ebensolchem Mut und mit viel persönlichem Ehrgeiz in den Kindertagen der Fliegerei ihren Weg suchten. Meist waren es sehr junge Männer die sich zu den Feldfliegern meldeten, aber auch junge Offiziere, verschiedener Waffengattungen, auf der Suche nach neuen technischen und soldatischen Herausforderungen. Erinnern möchte ich aber auch an die Männer die am Boden den Ablauf der Fliegerei am Leben hielten. Ob den Handwerker mit Vorkenntnissen oder den vielen Helfern die mit der Fliegerei vor ihrem Wehrdienst nichts am Hut hatten soll hier gedacht werden. Nicht nur die zahlreichen Abstürze während der Ausbildung forderten viele Opfer sondern auch Krankheiten wie z.B. die Spanische Grippe forderten ihre Verluste unter der Fliegertruppe.

Auf dem Darmstädter Waldfriedhof finden sich heute noch viele Gräber von Angehörigen der Fliegertruppe

K800_IMG_3389

Leutnant Georg Brandes

K800_img098

Leutnant Brandes bei der FEA 9 auf dem “Griesheimer Sand”

Der Leutnant Georg Brandes war einer der zahlreichen Flieger die schon während ihrer Ausbildung zum Flugzeugführer einem Unglücksfall zum Opfer fielen. Am 6. Juni 1918 verunglückte er mit einem weiteren Besatzungsmitglied zwischen Eschollbrücken und Hahn (heute Stadt Pfungstadt).

Georg Brandes überlebte den plötzlichen Absturz nicht, der andere leider bis heute unbekannte Flieger, konnte mit schweren Verletzungen geborgen werden. Leutnant Brandes befand sich am Ende seiner Ausbildung, den ersten Teil der Pilotenprüfung hatte er bereits am 2.2.1918 mit Erfolg abgelegt und er machte zur Zeit des Unfalls die vorgeschriebenen Flüge in großer Höhe und über weite Strecken. Seine ersten Platzrunden hatte er bereits erfolgreich absolviert und die an ihn gestellten Aufgaben wurden immer anspruchsvoller. Es wurden nun Gefahrensituationen, wie etwa der Ausfall des Motors simuliert und Notlandungen angenommen. Er hätte wohl die Ausbildung in nächster Zeit abgeschlossen und wäre zu einer aktiven Einheit versetzt worden.

Über die Unglücksursache kann nur spekuliert werden, es weist aber vieles auf einen technischen Defekt an der Maschine hin.

Absturz Brandes

Nur eine kurze Notiz war am 7.6.1918 im Pfungstädter Anzeiger über den Absturz zu lesen.

K800_IMG_3383

Der heutige Zustand der Grabstätte auf dem Darmstädter Waldfriedhof

Georg Heinrich Rudolf Alex Brandes wurde am 20.9.1897 in Offleben im Kreis Helmstedt/ Niedersachsen geboren. Im allgemeinen wurde er Jürgen genannt, eine Neben- aber auch Verniedlichungsform von Georg. Seine Familie bewirtschaftete ein großes Klostergut (seit 1741 bis heute) und er besuchte die dortige Volksschule bis zu seinem Eintritt in die preußische Kadettenanstalt von Bensberg.

K800_img097

Mit noch sehr kindlichen Zügen bei seiner ersten Zeit in der Kadettenanstalt

K800_img117

Schon als junger Kadett war er von der damals neuen Technik der Fliegerei begeistert, in seinem Nachlass finden wir dieses Foto das einen Zeppelin über Schloß Bensberg zeigt

K800_img044

Die Kadettenanstalt Schloß Bensberg

K800_img107

Das Offiziers Korps der Kadettenanstalt im Schloß Bensberg anläßlich der 100 Jahrfeier des Sieges über Napoleon

Bensberg Speisesaal

Im Gegensatz zu den Schlafräumen war der Speisesaal eher feudal ausgestattet.

Bensberg Schlaafsaal

Der Schlafsaal der Kadettenanstalt

K800_img113
K800_img102

Sichtlich gereift zum Ende der Ausbildung in Bensberg

K800_img020

Georg Brandes als Kompanieführer in einem Graben an der Westfront während der Schlacht an der Somme im Februar 1917

K800_img025

Luftaufnahme des Stellungssystems im Bereich des IR 80 mit Eintragungen von Brandes

Im Anschluß an seine Kadettenzeit trat er als Fahnenjunker-Unteroffizier in das Füsilier-Regiment “von Gersdorff” (Kurhessisches) Nr. 80 mit Garnison in Wiesbaden und Bad Homburg ein.  Er diente in der 3. Kompanie. Das Regiment war zu Beginn des Ersten Weltkriegs an der Westfront eingesetzt und bewährte sich bei vielen großen Schlachten u.a. an der Marne, an der Somme und bei Verdun. Bereits am 15. Januar 1915 wurde Georg Brandes zum Fähnrich befördert und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

K800_img100

Aufnahme während eines Heimaturlaubs 1916

Schon zwei Monate später, am 1. März 1915, wurde er erneut befördert und nun Leutnant der Reserve. Bei den langwierigen und schwierigen Grabenkämpfen bewährte sich Brandes erneut so das er auch das Eiserne Kreuz I. Klasse empfangen konnte. Bis September 1916 überstand er die Kampfhandlungen nahezu unbeschadet bevor er im Oktober 1916 als Stellvertreter des Kompaniechefs der 4.Kompanie zweimal leicht verwundet wurde.

0-verl

Eintrag in der Verlustliste vom 4. November 1916

Vermutlich kam er in dieser Zeit zum ersten mal mit der Fliegerei in Berührung. In seinem Nachlass finden wir zahlreiche Luftbilder die er ausgewertet und kommentiert hatte.

Ab Februar 1917 führte er die 9. Kompanie des 3. Bat. im IR 80 als Kompanieführer. Eine weitere Auszeichnung erhielt er vom Herzogtum Braunschweig in Form des Kriegsverdienstkreuzes. Seine vorerst letzten Einsätze im Westen mit dem Füsilier Regiment 80 hatte er bei den großen Schlachten und Stellungskämpfen in der Champagne. Im Anschluß daran wurde das Regiment in den Osten verlegt wo es als Reserve eine gewisse Ruhezeit genießen konnte um im Anschluß daran auch hier in Grabenkämpfe verwickelt zu werden. Bevor die Einheit zurück an die Westfront beordert wurde meldete er sich freiwillig zur Fliegertruppe und wurde zur Pilotenausbildung nach Griesheim zur Flieger-Erstzabteilung Nr. 9 versetzt.

K800_Orden Brandes 1
K800_img202
K800_img199

Die Auszeichnungen des Leutnants Georg Brandes. Von links nach rechts: Eisernes Kreuz II. Klasse, Kriegsverdienstkreuz des Herzogtums Braunschweig, Eisernes Kreuz I. Klasse und das Verwundetenabzeichen in Schwarz

K800_img015

Telegramm von “Jürgen” Brandes an seine Familie das er auf dem Weg zu seinem neuen Truppenteil nach Darmstadt ist.

K800_img046

Anzeige der FEA 9 in der “Magdeburgischen Zeitung” vom 15. Juni 1918

Unbenannt

Propeller der Marke “Wotan”

Nach dem tödlichen Flugunfall schickten die Kameraden der 1. Kompanie der FEA 9 den abgebrochenen Propeller der Unglücksmaschine an die Familie wo er über Jahrzehnte auf dem Wohnzimmerschrank an “Jürgen” Brandes erinnerte.

K800_img039

Ursprüngliche Grabstätte in Darmstadt.

 

K800_img114

Gedenkstätte in Darmstadt Mitte der 20er Jahre. Die Grabstätten sind in ihrer Aufteilung bis heute erhalten und nur die Grabsteine wurden inzwischen erneuert.

K800_img116

Leutnant Brandes im Kreise seiner Kameraden der FEA 9 in Griesheim an Weihnachten 1917

0-verl2

Eintrag in der Verlustliste vom 3.Juli 1918

K800_img043

Trauerschreiben der Kadettenanstalt Bensberg an die Familie

K800_img070

Das Büro der FEA 9 schickte Beileidsschreiben, die Kränzen beigefügt waren, an die Familie nach Offleben.

Eine besondere Rolle spielte der Gefreite Wilhelm Clement aus Rückingen bei Hanau. Er war nicht nur ein Untergebener an der Front und bei  der FEA 9 sondern vielmehr ein guter Freund von Leutnant Brandes. Lange Jahre kümmerte er sich nach dessen Tod um die Grabpflege und legte an den Gedenktagen immer wieder Blumen und Kränze nieder wenn es ihn auch größere Mühen kostete einen Passierschein zu erhalten um in den Französisch besetzten Teil Hessens zu kommen in dem der Darmstädter Waldfriedhof damals lag. Auch ihn zog es gegen Ende des Krieges zu den Fliegern: er wurde in Stolp (Pommern) als Beobachter ausgebildet. In vielen Briefen hielt er engen Kontakt zur Familie Brandes und hielt so die Erinnerung an “Seinen lieben Leutnant” am Leben. Wilhelm Clement verstarb schon im Jahre 1926 infolge Krankheit.

Darmstadt. den 24.12.17.
 
Sehr Geehrte Familie Amtsrat Brandes .Soeben habe ich mich gefreut
Ihnen ihr schönes Weihnachts Paket bekommen, ich bin Soeben von
Urlaub gekommen von zuhause. Herr Leutnant geht es noch gut,
was ich von mir auch noch berichten kann. Ich danke auch recht Herzlich für die schönnen Weihnachs Sachen wo ich bekomen habe. Hoffenlich ist das, das letze mall gewesen. Hoffentlich brauchen wir nicht mehr ins Feld. wir waren lange genug draußen, Herrn Leutnant, und ich. Ich lasse mir den Kuchen recht gut schmecken und auch die Wurst wo ich bekonnen habe. Das war eine große freute für mich geweßen. Meine Familie geht es Gott sei Dank auch noch gut zuhause. Herr Leutnant kann schon bald Fliegen wir wollen hier schon die Stellung halten in Darmstadt. bis zum Frieden. heute habe ich den Koffer ab geholt an der Bahn. Ich hätte noch eine Bitte. an Frau Amtsrat Brandes. Ich wollte noch was Zwirne geschickt haben den in Darmstadt ist alles ausverkauft. Herrn Leutnant hat es mir gesacht weil ich als welchen brauche, den wir bekommen nichts gemacht! was schwarze und weiße Zwirne darf es sein. Ich wäre Ihnen viel dank bar. Es grüßt Ihnen recht Herzlich W. Clement.
Ich wünsche Familie Amtsrat
ein Fröhliches Neu-Jahr.
Auf€“ Wiedersehen.
 
Vielen Dank für daß schöne Paket. zu Weihnachten
Bitte, Viele Grüße an alle Bekannte
Bitte Gruß an Frau Wäschter.

Vielen Dank für die Hilfe bei der Aufarbeitung an die Familie Brandes

K800_img105
K800_img106

Dieser Brief an seinen jüngeren Bruder Benno der ebenfalls in einer Kadettenanstalt ausgebildet wurde, gibt uns einen seltenen Einblick in die Ausbildung der damaligen Flieger. Auch die Haltung des Leutnants zur allgemeinen Kriegslage ist hochinteressant.

Darmstadt, den 7. März 18.
 
Mein lieber Benno!
Hab´ recht recht herzlichen Dank für Deine netten Zeilen,
welche ich heute morgen erhielt. Sehr habe ich mich gefreut, daß
es Euch beiden gut geht. Auch mir geht es glänzend und mache
ich in der Fliegerei gute Fortschritte. Am 22. Febr. habe ich
meinen ”Piloten” gemacht. Jetzt mache ich fleißig Bedingungs-
flüge (500· 800· u. 1000 m Ziellandungen) d. h. wenn man
die betreff. Höhe erreicht hat, muß man den Motor ab-
stellen und auf dem gesteckten Ziel landen und zwar
glatt, im Umkreis von 50 m. 10 Bedingungen habe ich jetzt
außerdem noch 5 Platzflüge. Jetzt muß ich noch 5 Bedingungen,
um dann meinen ”Feldpiloten” zu machen, d. h. ½ Stunde
über 2000 m bleiben. Anschließend aus 1000 m Ziellandung.
Dann bin ich fertig mit den leichten Maschinen (100 u. 120 P.S.)
und kommen dann schwere mit 160 / 200 u. 260 P.S. dann
wird es erst fein. 3 Monate werde ich immerhin noch
hier bleiben. Hoffentlich ist dann der Krieg noch nicht
aus, damit ich mich als Kampfeinsitzer an der Front be-
tätigen kann. Die Fliegerei ist doch eine saubere Sache und
bin ich tatsächlich froh, daß ich hingekommen bin.
Jetzt zu dem Urlaub zur Konfirmation. Versprechen
kann ich noch nicht, ob ich wirklich komme. Weil ich aber
auch Weihnachten keinen Urlaub hatte und mein offizieller
Urlaub zuletzt im Juni 17. war reiche ich vom 25. ab, 14
Tage Urlaub ein. Deinen Wunsch will ich Dir gern er-
füllen, und freue ich mich, daß Du Dir was gewünscht
hast. Nur nicht dumm sein, vor allem dann nicht, wenn
man drum gebeten wird. Wie steht es mit Deiner
Versetzung. Ich hoffe bestimmt, daß Du Ostern Obertertianer
wirst. Ordentlich auf die Hosen gesetzt, desto eher hat man
die Schulbank hinter sich. Wie steht es mit Fitz seinem
Examen. Dauernd halte ich den Daumen. Das Wetter
ist hier jetzt herrlich und wird es schon warm und
so früh hell, daß man nun 5 Uhr aufstehen muß.
Jetzt will ich aber schließen.
In der Hoffnung, daß diese Zeilen Dich und Fritz bei bestem
Wohlergehen antreffen bin ich mit den herzlichsten
Grüßen an Fritz Dein stets getreuer
                                                               Jürgen
7./III.18.

K800_img091

Wilhelm Clement mit Familie

Links: Brief des “Burschen” an die Familie seines Leutnants. Sehr schön erkennbar das er sich um viele Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens kümmern mußte und das die Familie dieses auch entsprechend honorierte.

Flieger Wilhelm Maier

K800_Wilhelm Maier

Wilhelm Maier in der Uniform der Fliegertruppe im Jahr 1918 in Griesheim

Danke an Frau Kern, der Enkelin,  für die Mithilfe

Zu den Bodenmannschaften der FEA 9 gehörte Martin Wilhelm Maier aus Mannheim. Er wurde am 31. Januar 1898 in Mannheim geboren und erlernte bei Daimler Benz, ebenfalls in Mannheim, den Beruf des Eisendrehers. Er wurde am 1.4.1917 zum I. Rekruten Depot des Ersatz Bataillons im Pionier Regiment Nr. 36 eingezogen und diente bis zum 22.9.1917 bei dieser Einheit. Ausgebildet wurde er speziell für den Nahkampf in den Gräben der Westfront. Am 25. September 1917 wurde er, vermutlich aufgrund seiner Berufsausbildung und seiner Tätigkeit bei Daimler Benz,  zur FEA 9 nach Griesheim versetzt. Hier war er nacheinander in der 3., der 2. und bis zum Kriegsende in der 1. Kompanie eingesetzt. Nach seinen Aussagen war er häufig bei der Bergung abgestürzter Flieger eingesetzt was er als ein schreckliches Erlebnis empfand. Für Wilhelm Maier war die Versetzung zu den Fliegern aber sicherlich ein Glücksfall, kurz nach seinem Weggang wurde seine ursprüngliche Pionier Einheit an die Isonzo Front verlegt und führte dort einen der folgenreichsten Giftgasangriffe des Krieges durch. Wilhelm Maier verstarb im Alter von 84 Jahren im Jahr 1982.

K800_img983
K800_img983
K800_img984
K800_img986
K800_img987
K800_img988
Home   RAD Crumstadt   RAD   US Army   Griesheim Sand   Hessen Militär